Ich bin vor kurzem auf einen interessanten Artikel in Passion Chirurgie gestoßen, der den Suizid des mir bislang unbekannten Chirurgen Conrad Middeldorpf im Jahr 1938 an der Charité unter Ferdinand Sauerbruch behandelt. Darin findet sich ein bemerkenswertes Originalzitat von Dr. Werner Forßmann (1904–1979), LINK der 1956 für seine Pionierarbeiten zur Herzkatheterisierung mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde. 1929 unternahm er den ersten von neun Selbstversuchen zur Herzkatheterisierung, wobei er sich selbst eine Sonde bis ins Herz legte und die damaligen Verhältnisse an der Klinik Sauerbruch als Zeitzeuge aus eigener Anschauung kannte. Das Zitat stammt aus seinen Lebenserinnerungen (Selbstversuch – Erinnerungen eines Chirurgen, 1972, S. 128) und lautet:
„[..] zum Drama wurde die Sauerbruchsche Klinik beinahe für jeden Menschen, der an ihrem Ufer Fuß faßte oder strandete. Die Tragik war um so größer, je Jünger die Betroffenen waren. Denn diese Institution maßte sich an, unter dem Vorwand der Erziehung zum ‚selbstlosen Arzt‘ die Charaktere zu verändern und entsprechend ihren eigenen Vorstellungen zu uniformieren. So war es Grundsatz, daß der Jüngere immer in Angst und Unruhe gehalten werden müsse, sonst leiste er nichts. Gedeihen konnten unter diesem ständigen Druck fast nur Sklavennaturen, und mancher ist unter dieser Dauerbelastung zerbrochen. [..]. Auch die Erfolgreichen sind nicht alle ohne Schaden zu nehmen durch dieses Fegefeuer gegangen. Äußerlich vielleicht unversehrt, aber innerlich zermürbt, vermochte selten einer etwas hervorzubringen, das den zu ihrer Zeit bahnbrechenden Ideen ihres Lehrers auch nur annähernd an Bedeutung nahekommt. Sie sind im Wesentlichen immer fleißige Kostgänger seines Ruhmes geblieben. Von der Verantwortung für die Dressur Methoden, die an der Klinik manchmal zu sadistischen Quälereien ausarteten, kann man Sauerbruch nicht ganz freisprechen. Alle paar Monate zitierte er die Volontäre der Klinik zu sich, um ihnen seinen Standpunkt über Zweck und Sinn der chirurgischen Ausbildung an seiner Klinik klarzumachen […]. „Meine Herren, Sie wollen also Chirurgen werden? Aber ein Chirurg kann nur werden, der sich seiner ganzen Persönlichkeit, seines ganzen Selbst entäußert. Dafür verbürgt einzig und allein der erste ernstgemeinte Selbstmordversuch!“ Daß das nicht nur so hingesagt, sondern voller Ernst war, sollte ich später aus den zwei Beispielen von Konrad Middeldorpf und […] erfahren“
Eine ähnliche, wenn auch deutlich weniger ausgeprägte Unternehmenskultur habe ich zu Beginn meiner eigenen chirurgischen Ausbildung ebenfalls noch erlebt. Vieles von dem, was damals praktiziert wurde, galt als vorbildlich und wurde kaum hinterfragt. Besonders der Zwiespalt, den Forßmann im Zusammenhang mit den Trauerfeierlichkeiten für Conrad Middeldorpf beschreibt, ist mir in Erinnerung geblieben. Sauerbruch hielt bei der Trauerfeier im Krematorium Wilmersdorf eine eindrucksvolle Rede. Das mehrfach handschriftlich überarbeitete Manuskript dieser Ansprache hat sich in seinem Nachlass erhalten und wird häufig als Dokument seiner Menschlichkeit angeführt. Umso bemerkenswerter ist der scharfe Kontrast zwischen dieser Trauerrede und den Berichten der Zeitzeugen über das Klima an seiner Klinik.
„Dieser gutmütige, immer freundliche Mann war bei allen beliebt. Sauerbruch war sein Abgott, dem er hörig war. Dem Widerstandslosen wurden alle Kärrnerarbeiten aufgebürdet. Für eine Neuauflage von Sauerbruchs dreibändigen Standardwerk ‚Die Chirurgie der Brustorgane mußte er die umfangreichen Literaturverzeichnisse und Nachschlageregister zusammenstellen und alle Korrekturen lesen. Er kam, weder zu klinischer oder operativer Tätigkeit noch zu eigener Arbeit für seine anstehende Habilitation. Geriet er einmal trotz seines Fleißes mit dem in Verzug, was ihm aufgetragen war, wurde dem ‚säumigen Mitarbeiter‘ wissenschaftliche Unfähigkeit und Sterilität vorgeworfen. Diese Enttäuschungen und Belastungen waren auf die Dauer für einen so sensiblen Menschen zuviel. Eines Morgens wurde er mit eröffneter Oberschenkelschlagader in seinem Zimmer gefunden. Wenn eine Liebesgeschichte, wie sie von anderer Seite als Motiv zu diesem Selbstmord unterstellt wird, überhaupt eine Rolle gespielt hat, so war sie höchstens die auslösende Ursache. Wie mir später der Operationspfleger Stiller erzählt hat, sollen Sauerbruch bei der Beerdigung unaufhörlich die Tränen über die Wangen gerollt sein. Da habe ihn eine alte Putzfrau aus der Charité angesprochen: ‚Jaja, Herr Geheimrat, nu könn’se flennen, jetzt, wo et zu spät is“ [Forßmann 1972, p. 128].
Erfreulicherweise haben sich viele dieser negativen Ausprägungen, nicht zuletzt dank des Engagements und Mutes vieler junger Chirurginnen und Chirurgen, grundlegend verändert. An die Stelle einer von steilen Hierarchien und autokratischen Führungsstrukturen geprägten Unternehmenskultur ist vielerorts – zumindest an meiner Stammklinik – eine offenere und transparentere Kultur getreten, die eine konstruktive Fehlerkultur, eine strukturierte Weiterbildung sowie eine deutlich bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf und Frauen in der Chirurgie fördert. Öfner D in Eur Surg 2024